Nina, ein in Deutschland adoptiertes Kind

Adoption von Kindern in DeutschlandKind adoptieren in Deutschland – Geschichte einer deutschen Familie. Zwölf Jahre her wurden die freie Produzentin der deutschen Fernsehgesellschaft ARD Marion Gaedicke und ihr Mann Adoptiveltern.

Ihre Töchter Nina und Luba besuchen Gymnasium und unterscheiden sich eigentlich in nichts von ihren Schulfreunden. Dass ihre biologischen Mütter irgendwo im fernen Russland leben, wissen sie. Und sie verhalten sich dazu ganz normal.

Fast jede Adoption aus Russland passiert spezielle Organisationen, darum endet sie erfolgreich für die beiden Seiten. Die deutsche Seite erhält ein Kind und die russische Seite erhält regelmäßige Berichte über sein Schicksal. Aber manchmal geschehen Störungen. Dann kann sich das Adoptionsverfahren auf mehrere Jahre ausdehnen oder sogar ausfallen.

 

Unsere Tochter Nina

Nina war in Petrosawodsk geboren. Die biologische Mutter verzichtete auf sie, wenn das Mädchen noch mehrere Monate alt war, darum wurde Nina in ein lokales Kinderheim gesandt. Ihr Profil wurde zeitweise von den Russen durchgeschaut, die Adoptiveltern werden wollten, aber aus irgendeinem Grund passte sie niemandem. „Und dann kamen mein Mann und ich und verliebten uns in sie sofort“, erzählt Marion Gaedicke. Sie findet ein Foto ihrer Tochter im iPhone geschwind. „Da ist sie!“ Aus dem Foto blickt ein blondes jugendliches Mädchen mit geschminkten Lippen. „Nina ist jetzt in ihren Entwicklungsjahren, darum hat sie schon meine ganze Kosmetik probiert“, fügt Marion lachend zu. Nina wurde unser in Deutschland adoptiertes Kind.

 

Wir sind nach Russland, nach Karelien gegangen, um zu adoptieren

Marion und ihr Mann konnten Kinder nicht haben und waren in keinem entsprechenden Alter für Adoption in ihrem eigenen Land, sie wollten aber sehr ein Kind in Deutschland adoptieren. Dann schlug Marion vor, ein Kind aus Russland zu nehmen – sie war in der DDR erwachsen, hatte Russisch gern und war sogar mehrmals in der ehemaligen UdSSR. Das Ehepaar sprach eine Organisation, die Kinder aus Russland adoptieren hilft, um Hilfe an, bereitete alle nötigen Papiere vor und fing an zu warten. Bald darauf wurden sie nach Petrosawodsk eingeladen – für Bekanntschaft mit Nina.

Als das deutsche Paar in das Kinderheim kam, war das Personal stutzig. „Die Russen haben eine Eigenschaft: Sie scheuen sich vor Gästen aus Westen“, sagt Marion Gaedicke. „Dagegen verhielten wir uns wie untypische Westeuropäer. Wir schossen sofort zum Kind los und fingen an mit ihm zu spielen. Die „typischen“ Europäer bringen in der Regel viele Spielzeuge, legen sie neben Kindern nieder und wissen nicht, womit zu beginnen“.

 

Bis zum Ende kämpfen

Als Marion und ihr Mann schon die Rückkehr mit Nina nach Deutschland planten, suspendierte das Gericht das Adoptionsverfahren. In der Datenbank stand das Mädchen als Waisenkind, aber es stellte sich heraus, dass sie die Mutter hatte. Zwar hatte sie ein Verzicht auf die Tochter unterschrieben, aber das war ungenügend. Sozialbeamte fuhren ins Dorf, wo diese Frau lebte, um mit ihr nochmals zu sprechen. „Vielleicht ändert sie ihre Meinung und nimmt das Mädchen zurück“, dachten sie. Endlich wurde Ninas Mutter sowie Großmutter gefunden, aber keine von ihnen wollte das Mädchen zurück. Und dann tauchte ein Mann auf und bekannte: „Ich glaube, das ist mein Kind. Ich würde es nehmen“. Diese Behauptung war genug, damit die Adoption den Deutschen verweigert wurde. Marion war schockiert, Agenturangestellte schlugen vor, ein anderes Mädchen zu nehmen. Aber die Deutschen legten eine Berufung in den Obersten Gerichtshof Russlands ein. „Sie haben keine Chancen“, versicherten Anwälte. „Bis jetzt unterlagen alle Ausländer bei gleichartigen Fällen. Ohne Ausnahmen“.

 

Russisch-deutsche Familie

Marion hat den Prozess gewonnen. Es genügt, diese Frau einmal zu sehen, um zu verstehen, warum es geschah. „Wenn irgendwelches Papier den Anwälten fehlte, ich fuhr persönlich nach Moskau, erklärte mich mit russischen Beamten auf Gewelsch und versuchte das Papier zu gewinnen“, erzählt die Journalistin gleichmütig.

Als der Richter das für Marion und ihren Mann obsiegendes Urteil verkündete, sie, ohne Freude zurückzuhalten, schrie mit aller Kraft aus. Bloß nach ein paar Tagen brachten die Deutschen Nina nach München. In demselben Jahre, 2001, nahmen sie ein anderes Mädchen aus dem Heim in Petrosawodsk – Luba. Diesmal ging alles ohne Schwierigkeiten ab. Jetzt leben sie zu viert, plus zwei Kaninchen, in einem großen Haus in Süddeutschland.

Marion verschweigt nicht: ihre beiden Töchter wissen, dass sie Adoptivkinder sind. Jede von ihnen hat ein Foto ihrer leiblichen Mutter, diese hat Marion irgendwo verschaffen. Kürzlich schrieben sie ihnen Briefe, in denen sie von ihrem glücklichen Leben in Deutschland erzählten. Aber die Antwort kam aus irgendeinem Grund nicht. Auf jeden Fall noch nicht.

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